Yôko Ogawa | HOTEL IRIS buch
   
Aus dem Japanischen von
Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler Deutsche Erstausgabe

Roman, 224 Seiten,
geb. mit Schutzumschlag
€ 18,90 / 34,20 sFr.
ISBN 978-3-935890-00-7
Pressestimmen
 

DIE ZEIT, 18.7.2002

DeutschlandRadio Berlin, 29.1.2002
Applaus, Januar 2002
TV Today 15.-28.12.2001
Berliner Zeitung, 15.12.2001
DENKmal/3sat, 12. Dezember 2001
Hessischer Rundfunk, HR 2 „Bücherjournal“, 28.11.2001
Nürnberger Nachrichten, 12.11.2001
WDR 2 Buchtipp vom 02.11.2001
Maxi, November 2001
Hersfelder Zeitung, 13. Okt. 2001
Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, 12. Okt. 2001
BuchMarkt, Oktober 2001
Amazon.de Rezension, September 2001



DIE ZEIT, 18.7.2002
Mädchen mit Narben
von Peter Urban-Halle

"Yôko Ogawa erzählt mit einer Kunstlosigkeit, deren Kunst verblüffend ist.“


DeutschlandRadio Berlin, 29.1.2002 • 15.10 Uhr
Rezensiert von Peter Urban-Halle

Es ist ein ewig faszinierendes Motiv der Literatur: das Motiv vom Verführen und vom Verführtwerden. In dem Roman der 40jährigen Japanerin Yoko Ogawa, dem ersten, der jetzt auf Deutsch erschienen ist, begegnet es uns in der Version: Der alte Mann und das Mädchen.
Die 17jährige Mari wird von ihrer despotischen Mutter, die in einem Badeort das Hotel Iris führt, als rechtlose Bedienstete gehalten. Eines Tages lernt sie einen älteren Herrn kennen, dessen Würde und Eleganz sie faszinieren; sie folgt ihm in sein Haus auf einer kleinen Insel, wo er zurückgezogen lebt. Er entpuppt sich allerdings als Sadist, dessen Neigungen sie sich zunächst demütig und willfährig unterwirft, weil es das erste Mal überhaupt ist, dass sie so etwas wie Liebe erfährt. Erotik und Tod sind die Säulen dieses kargen, fast bewegungslos geschriebenen Romans - und ein beinah unmerklicher Wandel in der Beziehung des ungleichen Paares ... Dabei interessiert sich die Autorin weniger für die Schilderung von Körperlichkeit als für das, was sich in den dahinter liegenden Hirn- und Herzzonen abspielt. Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen der zeitgenössischen japanischen Literatur und wurde bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.
http://www.dradio.de

| zurück zum Anfang |


Applaus, Januar 2002

Die Japaner sind ein seltsames Völkchen. Sofern sich das aus einer Distanz von ein paar tausend Kilometern diagnostizieren lässt. Wenigstens scheint vieles darauf hinzudeuten, als haben rigide Traditionen und ein knallharter wirtschaftlicher Verdrängungswettbewerb dazu geführt, dass in Japan Neurosen und Psychosen prächtig gedeihen.
Als müsste man sich davor Luft verschaffen, fallen die Tabubrüche entsprechend drastisch und bizarr aus. Was die Darstellung von Sex und Gewalt, am besten in Kombination, anbelangt, haben japanische Künstler seit vielen Jahren eine Vorreiterstellung inne. Man denke nur an Oshimas skandalträchtigen Film „Im Reich der Sinne“ vor 25 Jahren oder heutzutage an die Bondage-Fotos eines Nobujoshi Araki.
Dass sich diesbezüglich auch in der japanischen Literatur etwas tut, davon hat man durch die Bücher von Haruki Murakami eine leise Ahnung bekommen. Die kann man nun mit dem Roman „Hotel Iris“ von Yôko Ogawa lauter einpegeln. Ogawa, eine der wichtigsten Vertreterinnen der zeitgenössischen japanischen Literatur, erzählt darin von der sexuellen Hörigkeit einer 17-jährigen zu einem älteren Mann, der seine Liebe nur in sadomasochistischen Praktiken äußern kann.
Nun mag beim Voyeur, gierig nach gewissen „Stellen“, der Geifer zu fließen beginnen. Doch nichts wäre bei Ogawas knappem Roman unangebrachter. Nicht die Körper- und Benutzeroberflächen interessieren die Autorin, sondern das, was sich in den dahinter liegenden Hirn- und Herzzonen abspielt.
Mari, so heißt die 17-Jährige, lebt bei ihrer Mutter, die in einem Badeort ein Hotel betreibt. Das Mädchen wird als billige Putz- und Rezeptionskraft ausgenutzt. Sich auszuprobieren, wie es Heranwachsende tun, ist ihr nicht gestattet. Vor allem vermisst sie eine Vaterfigur an ihrer Seite. Umso empfänglicher ist sie für das beherrschende Auftreten eines Übersetzers, der auf einer Insel vor der Küste lebt. Dass von diesem Mann ein gefährlicher Reiz ausgeht, wird Mari schon bei ihrer ersten Begegnung klar. Aber sie kann dem nicht widerstehen. Zu viel liegt in ihr brach, zu drängend ist diese unbestimmte Sehnsucht in ihr. Zum ersten Mal erfährt Mari als Frau Liebe. Dass diese mit Schmerzen und Demütigungen verbunden ist, nimmt sie hin; anders kennt sie es nicht. Dass ihre Liebe in die Katastrophe mündet, ist der Preis der Erkenntnis.
Yôko Ogawa berichtet davon in einer fast schon unbewegten Sprache, die luftig gebaut sit und dementsprechend viele Zwischenräume aufweist. Auf diese Zwischenräume kommt es bei „Hotel Iris“ an. In ihnen – und damit im Kopf des Lesers – entfaltet sich die Tragödie einer Verirrung. Zwischen protokollartigen Sätzen wie „Ich wusch das Obst“ und „Der Übersetzer nahm eine Peitsche“ tun sich Univer4sen von Wollen und Müssen, von Begehren und Begehrtwerden auf. Und wenn Mari an einer Stelle gesteht: „Wenn man mich erniedrigt, wenn man mich zu einem bloßen Stück Fleisch degradiert, empfinde ich tiefe, reine Lust“, dann steht man an einer Klippe. Die Aussicht vor einem ist wunderbar und der Abgrund unter einem lässt einen frösteln.

| zurück zum Anfang |


TV Today 15.-28.12.2001

Yôko Ogawa ist eine der wichtigsten Autorinnen der zeitgenössischen japanischen Literatur. Mit „Hotel Iris“ liegt endlich einer ihrer Romane in deutscher Übersetzung vor. Er erzählt eine ebenso fesselnde wie verstörende Geschichte von einem 17jährigen Mädchen, das einem alten Mann mit seltsamen Neigungen verfällt.

| zurück zum Anfang |


Berliner Zeitung, 15.12.2001

Anmutig

Du perverses Schwein", heißt es schon auf der ersten Seite des Romandebüts der 1962 geborenen Japanerin Yôko Ogawa über die männliche Hauptfigur. Der ist Übersetzer von Beipackzetteln und Gebrauchsanweisungen und lebt auf einer ohrenförmigen Insel vor dem Festland. Ohne viel Umschweife wird der Mann mit Altersflecken auf seinen Händen, einem runzligen Hals und viel zu warmen, abgetragenen Anzügen zum Liebhaber der 17-jährigen Marie. Die Hitze ist so unerträglich wie deren Einsamkeit lapidar. Sie ist "niemals zuvor Seite an Seite mit jemanden gegangen. Mein Vater war früh gestorben, und meine Mutter hatte die Angewohnheit, stets vor mir zu gehen. Freundinnen oder einen Freund, mit denen ich plaudernd durch die Stadt bummeln konnte, hatte ich nicht." In schmucklosen Sätzen von minimalistischer Schlichtheit werden die Personen skizziert. Der Tod von Maries Vater nimmt neun Zeilen ein, drei nur braucht es, um die triste Existenz des verwitweten Eigenbrötlers zu beschreiben. "Ein Mann und eine Frau waren vorübergegangen."
Wortkarg zart und unprätentiös banal entspinnt sich die Beziehung zwischen dem alten Mann und dem Mädchen. Er streicht ihr übers Haar und sie wundert sich, dass es sich danach genauso anfühlt wie zuvor. Doch dabei bleibt es glücklicherweise nicht lange. Unversehens kippt die Unschuld der romantischen, heimlichen Rendezvous in eine sexuelle Obsession. Nicht dass der Lustgreis sich tatsächlich als perverses Schwein entpuppt, ist daran "fesselnd", sondern die lustvolle Hingabe des Objektes, das seine Unterwerfung als initiatorisches Ritual der Liebe genießt. "Er erniedrigte mich mit Anmut." Man möchte mitwürgen, wenn Marie die welke Nacktheit der Bauchfalten und den Schweiß der Achselhöhlen ihres Herrn auskostet oder ihm "nur mit dem Mund!" die Socken ausziehen darf. Und lechzt mit ihr nach weiteren gewaltsamen Zuwendungen: "Er trat mich in den Rücken." (sv.)

| zurück zum Anfang |


DENKmal/3sat, 12. Dezember 2001
"Hotel Iris" von Yoko Ogawa - Auf der Suche nach Körperlichkeit

Für die 17jährige Mari ist die Welt grau, der Alltag trist, das Leben freudlos. Es spielt sich hauptsächlich in dem Hotel ab, das ihre Mutter mit strenger Hand führt. Ein kleines, wenig komfortables Hotel irgendwo in Japan. Zwar in der Nähe des Strandes, aber eben nur in der Nähe, ohne den direkten Blick auf das Meer.

"Das einzig Außergewöhnliche war ein längst versiegter Springbrunnen aus Backstein, dessen Mitte die mit Vogeldreck bedeckte Gipsstatue eines lockigen Jünglings im Frack zierte. Er spielte mit gesenktem Kopf auf einer Harfe und bot mit seinen fehlenden Lippen einen recht traurigen Eindruck."

Einbruch in eine verstaubte, verklemmte kleine Welt
Lieblosigkeit und Kälte prägen Maris Leben. Der Vater, ein Trinker, wurde erschlagen in der Gosse gefunden, die Mutter, damit beschäftigt, den Betrieb aufrechtzuhalten, hat vor allem das Wohl der Gäste im Auge und wenig Sinn für die Entwicklung ihrer Tochter.
Doch eines Tages geschieht Ungewöhnliches in dieser verstaubten und verklemmten kleinen Welt. Ein langer quälender Schrei, ein Streit im Hotelflur, ein Gast, ein älterer Mann, der offensichtlich eine Prostituierte misshandelt hat, tritt auf. Mari ist verstört und auf sonderbare Weise beeindruckt.
"Schweig Hure, durchdrang eine Männerstimme den Raum. Alle verstummten. Die Stimme hatte einen vollen tiefen Klang, bar jeder Gereiztheit oder Wut, und einen überlegenen Tonfall. Wie wenn der erste Ton eines Cellos oder Horns sich aus der Stille erhebt..."

Zwischen Schmerz und Zartgefühl
Es ist die Überlegenheit des Mannes, die Mari reizt, das Gefühl der Unterlegenheit, der Wunsch unterlegen zu sein, geschützt in schmerzvoller Weise.
Mari trifft diesen Mann wieder, sie verfolgt ihn, sucht seine Nähe.
"Der Mann streckte die Hand nach mir aus und berührte mit den Fingerspitzen meine Wange. Vor Schreck stockte mir der Atem ... Seine Fingerspitzen zitterten. Er stand direkt neben mir. Und obwohl es nur mein Haar war, schien der Mann sich zu fürchten."
So stark und herrisch er sich im Hotel benommen hatte, so unsicher und ängstlich erscheint er nun, eine Diskrepanz, die ihn für Mari noch geheimnisvoller, noch reizvoller macht. Sie erfährt, dass er zurückgezogen auf einer Insel lebt und dass er Übersetzer ist. Er schreibt ihr höfliche, aber auch zärtliche Briefe und endlich folgt ihm Mari in sein Universum.
"Ich weiß nicht, ob das, was der Übersetzer mit mir gemacht hat, normal ist. Woher sollte ich das auch wissen?"

Zerstörung und Verlust als Fluchtpunkt
Zwischen Mari und dem Übersetzer entwickelt sich ein Verhältnis von Demütigung und Macht, von Schmerz und Folter, Obsession und Unterwerfung. Mari liefert sich und ihren Körper vollständig aus. Sie lässt sich fesseln und peinigen, quälen und strafen. Die Ödnis ihres Lebens und die endlose Traurigkeit des alten Mannes kulminieren in einem Meer von Schmerz, in einer symbiotischen Unfähigkeit sich anders zu begegnen, als in einem Gefühl von Zerstörung und Verlust.
"An meinen Handgelenken waren noch die dünnen roten Striemen der Schnur zu sehen. ‚Warum müssen wir uns nur trennen...’ ‚Das weiß ich auch nicht.’ Er schüttelte den Kopf."

Meisterin des Unbehagens
Yoko Ogawa, die Autorin, ist in Japan keine Unbekannte. Sie ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen ihres Landes und eine Meisterin des Unbehagens. Wäre nicht ihre klare, fast klinische Sprache, ohne Schnörkel und Füllwerk, wäre das, was sie beschreibt schwer erträglich. Die Nüchternheit ihrs Stils und ihre Distanz schützen den Leser und die Figuren. Gleichzeitig fügt sie in kleinen, atmosphärisch dichten Szenen Stück für Stück ihre Geschichte zusammen, ohne sich in weitschweifigen Erklärungen zu verlieren. "Hotel Iris" - die Geschichte der pervertierten Obsession zwischen Mari und dem Übersetzer ist ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. Er ist im Liebeskind Verlag erschienen.

| zurück zum Anfang |


Hessischer Rundfunk, HR 2 „Bücherjournal“, 28.11.2001

| zurück zum Anfang |



Nürnberger Nachrichten, 12.11.2001

Gehorchen und dienen
Lust auf Perversion: Yôko Ogawas verstörendes Buch „Hotel Iris“

Das Hotel, das die 17-jährige Mari mit ihrer Mutter an der Küste betreibt, ist eine heruntergekommene Absteige. Mit äußerster Profitgier managt die Besitzerin die miefige Pension „Iris“ auf Kosten ihrer Tochter. Statt in die Schule zu gehen. Muss sie waschen, putzen, Botengänge erledigen. Befehle, Zwänge und Erniedrigungen bestimmen den tristen Alltag des Teenagers unter der herrischen Mutter.
Ein nächtlicher Zwischenfall verändert ihr Dasein: Aus einem der Hotelzimmer stürzt eine Prostituierte, die ihrem Freier perverse sexuelle Neigungen vorhält. „Schweig Hure!“ befiehlt der ältere Herr und trifft damit einen Ton, der Mari fasziniert. „Noch nie hatte ich einen derart wohlklingenden Befehl gehört – gelassen, würdevoll gebieterisch“, denkt sie und nutzt kurz später eine zufällige Begegnung mit dem Mann, um seine Bekanntschaft zu machen. Er ist Übersetzer, weit über 60 und lebt auf einer einsamen Insel.
Schon bald folgt Mari ihm in sein Haus und lebt dort sexuell das aus, was sie am besten kann: Gehorchen und dienen. Sie lässt sich mit Lust erniedrigen, gerät immer tiefer in den Strudel sexueller Abhängigkeit: „von irgendwoher holte er eine seltsame Schnur hervor und fesselte mich am ganzen Körper. Von Anfang bi s Ende waren seine Bewegungen von vollendeter harmonischer Schönheit.“ Dass die Beziehung zu dem alten Mann, der in seinen Sexualpraktiken immer monströser wird, in einer Katastrophe endet, ahnt der Leser von Beginn an...
Die in Japan gefeierte Autorin Yôko Ogawa (Jahrgang 1962) schildert in ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman – erschienen im neuen Liebeskind Verlag – die abartige Beziehung der beiden aus Sicht Maris. Und sie tut es auf eine art, behutsam und präzise zugleich, dass man über alle Abgründe der Perversion hinweg beginnt, dieses junge, geschundene Gemüt nicht nur zu bedauern, sondern in seinen – bedingt durch das trostlose Elternhaus – gestörten Empfindungsmustern zu verstehen. Die Übersetzung bietet eine wunderbar klare Sprache, die manches umso krasser erscheinen lässt. Ein betörend-verstörender Roman. (Birgit Ruf)

| zurück zum Anfang |


WDR 2 Buchtipp vom 02.11.2001
Vorgestellt von Gert Scobel

Mari ist 17 Jahre alt. Ihre Mutter hat sie von der Oberschule genommen, weil sie jemanden braucht, der mit ihr das Hotel Iris führt. Statt an der Promenade zu liegen oder in der Nähe der nur bei Ebbe sichtbaren Festungsruine, liegt das bescheidene Hotel von all dem weit entfernt. Nur zwei Zimmer haben überhaupt Meerblick. Ansonsten hat man lediglich die Aussicht auf eine Fischfabrik. Maris Mutter arbeitet hart – eine Härte, die Mari zu spüren bekommt, wenn ihr die Mutter die Haare kämmt. Mari fühlt sich hässlich und unnütz. Eines Abends, als sie gerade die Kasse abschließt, gellt ein Schrei durch das Hotel. Eine Prostituierte stürzt aus einem der Zimmer, beschimpft den älteren Mann, der ihr erbarmungslos BH, Schuhe und Handtasche nachwirft als "impotenten Sack" und "perverses Schwein". Der Mann, ruhig, nicht verlegen, sagt kein Wort zu all dem. Und dann erhebt sich doch inmitten des Tumultes seine alles durchdringende Stimme mit einem überlegenen Tonfall jenseits aller Gereiztheit oder Wut. "Schweig Hure"– dieser Befehl bringt alle, die Hure ebenso wie die Gäste, sofort zum Schweigen. Mari ist fasziniert von dem Mann, von seiner Würde und Autorität. Als sie ihn Tage später in der Stadt wiedersieht, folgt sie ihm, bis sie er sie anspricht. Der Mann, ein Russisch-Übersetzer, lebt zurückgezogen auf einer unbewohnten Insel, die man nur mit einer Fähre erreichen kann. Seit Jahren arbeitet er neben seinen Gelegenheitsübersetzungen an der Übertragung eines russischen Romans, dessen Heldin Marie ein gewaltsames Ende findet – so wie die verstorbene Ehefrau des Mannes, vom dem gerüchteweise behauptet wird, er habe seine Frau in Wahrheit umgebracht. Der Mann jedoch ist Mari gegenüber höflich und freundlich, fast schüchtern, schreibt ihr Briefe, bis sie ihn schließlich auf der Insel besucht. Dort ist der Mann wie ausgewechselt: Ein autoritärer, geiler Alter, der ihr befiehlt, sich auszuziehen, der sie fesselt, quält, mit einer Schere bedroht und schließlich geradezu foltert, wobei er sie fotografiert. Mari ist hin- und hergerissen: Sie weiß nicht, ob sie diesen Mann liebt, der ansonsten sanft scheint. Sie fühlt sich magisch angezogen von seiner lauen Körpertemperatur, der altersbedingten Trockenheit seiner Lippen, seiner faltigen Haut. Sein durchdringender Befehlston, dem sie blind gehorcht, erregt sie wie nichts zuvor. Als der stumme Neffe des Mannes auftaucht, ein begabter Architekturstudent und Maler, mit dem sie sich mittels handgeschriebener Zettel verständigt, bringt Mari den Neffen heimlich in das Hotel ihrer Mutter und schläft mit ihm. Der alte Mann ahnt, dass ihr Verhältnis nicht nur im Rhythmus der schriftlichen Gespräche verlief. Er quält Mari bis ans äußerste, wirft ihr vor, den Jungen verführt zu haben. Und während Mari, eingesperrt in eine Kammer an all die Demütigungen und Erniedrigungen ihres Lebens denkt, nackt und geschunden, sieht sie an einem Haken über sich den Kopf der Ehefrau des Mannes. Doch auch deren Geschichte bleibt seltsam in der Schwebe zwischen Erfindung und Tatsachenschilderung. Ich will das überraschende Ende des Romans nicht verraten, der auf mindestens zwei Ebenen so lesenswert und auf uneuropäische Art japanisch ist. Zum einen fehlt jeglicher Versuch, das perverse Verhältnis des alten Mannes zu der jungen Frau psychologisch zu erklären oder zu verstehen. Wer das Buch liest, wird gegen diese Leerstelle anrennen wollen. Und genau das macht die seltsam fremde, kalte und unwirkliche Qualität der Geschichte aus. Ogawas nüchterne Sprache bleibt gekonnt und konsequent bei den Dingen und begnügt sich mit der Beschreibung des Äußeren, während sie doch von etwas Innerem, Quälenden reden will. Zum zweiten handelt der Roman von jener verqueren Sexualität, die Langeweile gebären kann. Und mehr noch: Ein Gefühl der Schuld und der daraus resultierende Wunsch nach Erniedrigung. Aber auch das wird ohne Bezugnahme auf psychologische Begriffe geschildert, wie es in einem westlichen Roman früher oder später der Fall wäre. Am Ende zeigt sich, dass diese Art der Perversion in eine nicht mehr kontrollierbare Gewalt mündet. Sanftheit, Geilheit und brutale Autorität, die sich als Lust am Quälen austobt, erweisen sich als Eigenschaften ein und desselben Menschen. Hotel Iris ist der erste Roman Yoko Ogawas in deutscher Übersetzung. Es ist ein seltsam fremdes, dabei aber faszinierendes Buch, das mit Ekel und Lust spielt und sich liest wie ein zur Literatur gewordenes Bild des umstrittenen japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki.

| zurück zum Anfang |


Maxi, November 2001

Eine verhängnisvolle Affäre

Die siebzehnjährige Mari folgt einem ältern Dolmetscher auf eine unbewohnte Insel, obwohl sie weiß, dass ihm eine Prostituierte abartige sexuelle Neigungen vorgeworfen hat.

| zurück zum Anfang |


Hersfelder Zeitung, 13. Okt. 2001

Der Roman „Hotel Iris“ ist die erste Begegnung deutscher Leser mit der japanischen Autorin Yôko Ogawa.
Gemeinsam mit ihrer strengen Mutter führt die 17-jährige Mari ein heruntergekommenes Hotel an der Küste, als sie eines Abends Zeugin eines heftigen Streits zwischen einer Jure und einem älteren Herrn wird. Die käufliche Dame wirft ihrem Freier abartige Wünsche vor. Weil der alte Herr auch in dieser peinlichen Situation seine Würde nicht verliert, ist Mari tief beeindruckt. Als sie dem Mann wenige Tage später zufällig in der Stadt begegnet, macht sie seine Bekanntschaft und nimmt seine Einladung an, ihn auf der kleinen Insel, auf der er als Russisch-Übersetzer lebt, zu besuchen.
In heimischer Umgebung verwandelt sich der elegante Herr in einen dominanten Liebhaber mit bizarrer Fantasie, der Mari zu ihrer eigenen Überraschung höchsten Genuss verschafft. Besonderen Kitzel bezieht Mari zudem aus dem Umstand, dass die Hauptfigur des Romans, den ihr betagter Freund gerade übersetzt, gewaltsam ums Leben kommt – genau wie im richtigen Leben seine Ehefrau.
Yôko Ogawa erzählt von einer Liebe, die nach gängigen Moralvorstellungen unmöglich ist. Denn alles steuert auf ein ungutes Ende zu, und nicht alle können entkommen. Die Entdeckung einer interessanten Autorin verschafft den deutschen Lesern übrigens ein Neuling auf dem Büchermarkt: Die Münchener Verlagsbuchhandlung Liebeskind hat in diesem Herbst ihr erstes Belletristik-Programm vorgelegt. (Karl Schönholtz)

| zurück zum Anfang |



Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, 12. Okt. 2001

Das erotische Spiel mit dem Feuer, die Erfahrung einer sexuellen Grenzüberschreitung als emanzipatives Erwachen steht im Mittelpunkt von „Hotel Iris“, einem der zahlreichen Romane, die in diesem Herbst die so geheimnisvolle wie fremde Welt des Fernen Ostens nahe rücke. Überraschend freizügig schildert Yôko Ogawa, 1962 geboren, die körperliche Begegnung zwischen einer 17-Jährigen und einem ältern Übersetzer - eine gekonnte Mischung aus „Lolita“ und Krimi. (Claudia Kramatschek)

| zurück zum Anfang |


BuchMarkt, Oktober 2001

Dem ersten Programm der Verlagsbuchhandlung Liebeskind wünsche ich einen guten Start: gelungene Cover, klasse Geschichten. Zum Beispiel Hotel Iris von Yôko Ogawa: Die Liebesgeschichte zwischen einer 17-Jährigen und einem alternden Übersetzer ist im wahrsten Sinne des Wortes fesselnd. (Susanna Wengeler)

| zurück zum Anfang |


Amazon.de Rezension, September 2001
Barbara Wegmann

Ich hatte geahnt, dass der Mann mich auf diese Weise zum Bleiben zwingen würde".
Mari ist 17, führt gemeinsam mit ihrer Mutter ein Hotel in einem kleinen Badeort. Jenen Mann, von dem sie spricht, lernt sie im Hotel kennen. In einem heftig eskalierenden Streit wirft eine Prostituierte ihm perverse sexuelle Neigungen vor. Der Mann, Übersetzer, hat "seine besten Jahre bereits hinter sich", "seine Hände... voller Altersflecken... Es ging etwas Verführerisches von ihnen aus." Mari folgt dem alten Mann.
Es ist ein ganz ungewöhnliches Buch, dessen äußeres Erscheinungsbild in so krassem Widerspruch zu seinem inneren Wirken steht: Kleinformatig ist es, 200 Seiten, kurze Kapitel auffällig knappe Sätze, klare, unmissverständliche Aussagen, die manchmal geradezu wie unscheinbare Perlen hintereinander aufgereiht wirken. Ein Buch, das mit zwei fest umrissenen unspektakulären Schauplätzen auskommt: das Hotel und das Haus des Übersetzers auf einer kleinen, einsamen Insel, die "wie ein lauschend an das Meer gelegtes Ohr" wirkt.
Der Inhalt des Buches jedoch spricht so viele Sprachen, zieht in seiner sich erst langsam erschließenden Vielschichtigkeit in einen mächtigen Sog und hallt lange nach. Die Begegnung der 17-Jährigen mit jenem alten Mann, ihre Briefe, Gespräche und ihre außergewöhnliche Liebesbeziehung: All das ergibt zutiefst berührende Psychogramme zweier Menschen, die allein sind, jeder auf seine eigene Art. Der alte Mann, der Frauen kauft, um sich zu vergewissern, dass "es mich noch gibt" und das junge, erstmals heftig verliebte Mädchen, das sich "weit auf das Meer hinausgewagt" hat, "dorthin, wo meine Mutter mich nicht finden konnte". Ein dramatischer Start in ein junges Leben.
Unendlich sensibel dringt Yôko Ogawa in die Psyche Maris ein, legt zugleich ohne Tabus auch das gescheiterte Leben und die Angst eines alten Mannes mit so viel Geschick frei, dass auch an den freizügigsten Stellen nie Grenzen überschritten werden.

| zurück zum Anfang |
 
back
kurzbeschreibung pfeil
leseprobe pfeil
kritik pfeil
autor pfeil