Yôko Ogawa | HOTEL IRIS buch
   
Aus dem Japanischen von
Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler Deutsche Erstausgabe

Roman, 224 Seiten,
geb. mit Schutzumschlag
€ 18,90 / 34,20 sFr.
ISBN 978-3-935890-00-7
Leseprobe
 

Es war kurz vor Beginn der Sommersaison, als der Mann im Hotel Iris übernachtete. Seit dem Morgen hatte es unablässig geregnet, und gegen Abend wurde der Regen noch stärker. Das Meer war aufgewühlt und grau. Beim Aus- und Eingehen der Gäste wehte die Nässe ins Foyer, so daß der Teppich einen unangenehm feuchten Geruch verströmte. Die umliegenden Geschäfte hatten ihre Leuchtreklamen ausgeschaltet. Nur wenn gelegentlich ein Wagen durch die menschenleeren Straßen fuhr, konnte man die Regentropfen im Licht der Scheinwerfer erkennen.
Ich war gerade dabei, die Kasse abzuschließen und das Licht im Foyer auszuschalten, ehe ich mich wie immer um diese Zeit auf mein Zimmer zurückziehen wollte, als plötzlich ein Poltern zu hören war, wie wenn etwas Schweres zu Boden fällt, gefolgt vom Schrei einer Frau. Es war ein lang anhaltender Schrei. So anhaltend, daß ich mich schon fragte, ob es sich nicht in Wirklichkeit um Gelächter handelte.
Aus Zimmer 202 kam eine Frau gestürzt. Es handelte sich eindeutig um eine Prostituierte. Soviel konnte sogar ich erkennen. Und sie war nicht mehr jung. Ihr Haar hing strähnig und wirr um ihren faltigen Hals, und greller Lippenstift war über die Hälfte ihres Gesichts verschmiert. Durch Schweiß und Tränen war ihr die Wimperntusche in die Augenwinkel gelaufen. An ihrer Bluse fehlten mehrere Knöpfe, so daß ihre linke Brust entblößt war. Ihr Minirock ließ ihre leicht geröteten Oberschenkel unbedeckt, die in mir die Vorstellung erweckten, daß sich bis vor einem Augenblick noch die Hände eines Mannes auf ihrer Haut nach oben getastet hatten.
Als einzige Antwort auf ihr Gezeter wurde aus dem Zimmer ein Kissen geschleudert, das sie mitten ins Gesicht traf, worauf sie noch einmal wütend aufschrie. Der Bezug des Kissens, das nun auf dem Treppenabsatz lag, war mit Lippenstift beschmiert. Durch die Beschwerden der Gäste entstand zusätzlicher Tumult. Nur Zimmer 202 atmete tiefe Stille. Von dem Mann, der sich offenbar darin befand, war nichts zu sehen. Er hatte auch noch kein einziges Wort gesagt. Einzig die bösen Blicke der Frau und die aus dem Zimmer geschleuderten Gegenstände belegten seine Existenz. Die Frau kreischte weiter in die schweigende Öffnung hinein. Da geschah es.»Schweig, Hure!« durchdrang eine Männerstimme den Raum. Alle verstummten. Die Stimme hatte einen vollen, tiefen Klang, bar jeder Gereiztheit oder Wut, und einen überlegenen Tonfall. Wie wenn der erste Ton eines Cellos oder Horns sich aus der Stille erhebt.
 
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