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Es war kurz vor Beginn der Sommersaison, als der Mann im Hotel Iris
übernachtete. Seit dem Morgen hatte es unablässig geregnet, und gegen
Abend wurde der Regen noch stärker. Das Meer war aufgewühlt und grau.
Beim Aus- und Eingehen der Gäste wehte die Nässe ins Foyer, so daß der
Teppich einen unangenehm feuchten Geruch verströmte. Die umliegenden
Geschäfte hatten ihre Leuchtreklamen ausgeschaltet. Nur wenn
gelegentlich ein Wagen durch die menschenleeren Straßen fuhr, konnte
man die Regentropfen im Licht der Scheinwerfer erkennen.
Ich war gerade dabei, die Kasse abzuschließen und das Licht im Foyer
auszuschalten, ehe ich mich wie immer um diese Zeit auf mein Zimmer
zurückziehen wollte, als plötzlich ein Poltern zu hören war, wie wenn
etwas Schweres zu Boden fällt, gefolgt vom Schrei einer Frau. Es war
ein lang anhaltender Schrei. So anhaltend, daß ich mich schon fragte,
ob es sich nicht in Wirklichkeit um Gelächter handelte.
Aus Zimmer 202 kam eine Frau gestürzt. Es handelte sich eindeutig um
eine Prostituierte. Soviel konnte sogar ich erkennen. Und sie war nicht
mehr jung. Ihr Haar hing strähnig und wirr um ihren faltigen Hals, und
greller Lippenstift war über die Hälfte ihres Gesichts verschmiert.
Durch Schweiß und Tränen war ihr die Wimperntusche in die Augenwinkel
gelaufen. An ihrer Bluse fehlten mehrere Knöpfe, so daß ihre linke
Brust entblößt war. Ihr Minirock ließ ihre leicht geröteten
Oberschenkel unbedeckt, die in mir die Vorstellung erweckten, daß sich
bis vor einem Augenblick noch die Hände eines Mannes auf ihrer Haut
nach oben getastet hatten.
Als einzige Antwort auf ihr Gezeter wurde aus dem Zimmer ein Kissen geschleudert,
das sie mitten ins Gesicht traf, worauf sie noch einmal wütend aufschrie.
Der Bezug des Kissens, das nun auf dem Treppenabsatz lag, war mit Lippenstift
beschmiert. Durch die Beschwerden der Gäste entstand zusätzlicher Tumult.
Nur Zimmer 202 atmete tiefe Stille. Von dem Mann, der sich offenbar darin
befand, war nichts zu sehen. Er hatte auch noch kein einziges Wort gesagt.
Einzig die bösen Blicke der Frau und die aus dem Zimmer geschleuderten
Gegenstände belegten seine Existenz. Die Frau kreischte weiter in die
schweigende Öffnung hinein. Da geschah es.»Schweig, Hure!« durchdrang eine Männerstimme den Raum. Alle
verstummten. Die Stimme hatte einen vollen, tiefen Klang, bar jeder
Gereiztheit oder Wut, und einen überlegenen Tonfall. Wie wenn der erste
Ton eines Cellos oder Horns sich aus der Stille erhebt.
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