John Barth | TAGE OHNE WETTER Buch
   
Aus dem Amerikanischen von
Matthias Müller

Roman, 256 Seiten
geb. mit Schutzumschlag
und Lesebändchen
€ 20,- / 34,- sFr.
ISBN 978-3-935890-09-0
Leseprobe
 

Ich hatte den Doktor zufällig am Morgen des 17. März 1951 kennengelernt, und zwar an einem Ort, den man gemeinhin für die Eingangshalle der Pennsylvania Railroad Station in Baltimore hält. Es war zufällig der Tag nach meinem achtundzwanzigsten Geburtstag, und ich saß auf einer der Bänke im Bahnhof, meinen Koffer neben mir. Ich befand mich in einem ungewöhnlichen Zustand: Ich konnte mich nicht bewegen.
Am Vortag hatte ich mein Zimmer im Wohnheim, das der Universität gehört, verlassen, um irgendwohin zu reisen. Weil ich gelernt habe, nicht allzusehr an Ursachen interessiert zu sein, schreibe ich diesen Schritt einer einfachen Geburtstagsniedergeschlagenheit zu, ein Phänomen, das genügend Menschen hinreichend bekannt ist, so daß ich es nicht weiter erklären muß. Meine Geburtstagsniedergeschlagenheit hatte mich daran erinnert, daß ich keinen mich selbst überzeugenden Grund hatte, auch nur einen Moment länger jene Dinge zu tun, die ich zufällig seit sieben Uhr am Abend des 16. März 1951 getan hatte. Ich hatte dreißig Dollar und etwas Kleingeld in der Tasche: Als mein Koffer gefüllt war, hielt ich ein Taxi an, fuhr zur Pennsylvania Station und stellte mich in die Schlange vor dem Schalter.
„Ja bitte?“ sagte der Kartenverkäufer, als ich an der Reihe war.
„Es wird Ihnen sicher theatralisch vorkommen“, sagte ich verlegen, „aber ich besitze etwa dreißig Dollar, um eine Reise zu machen. Könnten Sie mir einige Orte nennen, wohin ich für etwa zwanzig Dollar fahren kann?“
Der Mann zeigte sich über meine Anfrage keineswegs überrascht. Er sah mich verständnisvoll, wenn auch ohne Mitleid an und schaute dann in seiner Fahrpreisliste nach.
„Sie können nach Cincinnati, Ohio, fahren“, sagte er. „Sie können nach Crestline, Ohio, fahren. Und Sie können nach Dayton, Ohio, fahren. Oder nach Lima, Ohio. Das ist ein netter
Ort. Einige Verwandte meiner Frau wohnen in Lima, Ohio. Möchten Sie dorthin fahren?“
„Cincinnati, Ohio“, wiederholte ich, wenig überzeugt. „Crestline, Ohio, Dayton, Ohio, und Lima, Ohio. Vielen Dank. Ich überlege es mir und komme später noch einmal vorbei.“
Also verließ ich den Schalter wieder und setzte mich auf eine der Bänke in der Mitte der Eingangshalle, um mich zu entscheiden. Und dort war es, wo mir einfach die Beweggründe ausgingen, so wie einem Auto das Benzin ausgeht. Es gab keinen Grund, nach Cincinnati, Ohio, zu fahren. Es gab keinen Grund, nach Crestline, Ohio, zu fahren. Oder nach Dayton, Ohio. Oder nach Lima, Ohio. Es gab auch keinen Grund, ins Wohnheim zurückzugehen oder überhaupt irgendwohin. Es gab keinen Grund, irgend etwas zu tun ...
Wenn man wie ein Landstreicher aussieht, ist es schwierig, die ganze Nacht lang eine Bank zu besetzen, selbst in einer belebten Bahnhofshalle. Aber wenn man einigermaßen anständig gekleidet ist und einen Koffer neben sich stehen hat, werden Polizisten und Bahnbeamte einen nicht belästigen. Als am nächsten Morgen die Sonne durch die schmierigen Bahnhofsfenster fiel, saß ich immer noch an derselben Stelle, in derselben Position, und es lag in der Natur der Sache, daß ich auf unbestimmte Zeit so dagesessen hätte, wenn nicht gegen neun Uhr ein kleiner, eleganter Mann um die Fünfzig vor mir stehengeblieben wäre und mir direkt in die Augen gesehen hätte.
 
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