Edward Carey |
DAS VERLORENE OBSERVATORIUM
buch
   
Aus dem Englischen von
Jürgen Bürger

Roman, 400 Seiten
geb. mit Schutzumschlag
und Lesebändchen
€ 24,- / 40,90 sFr.
ISBN 978-3-935890-11-3
Leseprobe
 

Am Tag, bevor der neue Bewohner kam, waren wir alle vereint in einer nahezu alles verzehrenden Besorgnis. Wir zogen die Möglichkeit in Betracht, daß der neue Bewohner ein Mensch sein könnte, der wie wir Geselligkeit mißbilligte. Wir zogen die Möglichkeit in Betracht, daß der neue Bewohner alt sein oder im Sterben liegen, ja vielleicht sogar noch während seiner ersten Nacht hier sterben könnte. Wir zogen die Möglichkeit in Betracht, daß der neue Bewohner nur einen kurzen Blick auf unser Zuhause werfen und sodann beschließen könnte, sofort wieder abzureisen. Sollte dies der Fall sein, wären wir für ein paar Minuten gekränkt und anschließend für immer und ewig erleichtert.
Uns blieb nur abzuwarten und ihm seinen Aufenthalt bei uns, der, davon waren wir überzeugt, nur ein kurzer sein würde, so unangenehm wie möglich zu machen. Aber niemand machte sich mehr Sorgen als ich, war ich doch der jüngste Bewohner in unserem Zuhause und folglich derjenige, sollte sich herausstellen, daß der neue Bewohner weder alt war noch im Sterben lag, der aller Wahrscheinlichkeit nach am längsten unter seiner Gesellschaft zu leiden hätte ...
Normalerweise nahm ich den Bus, um zur Arbeit zu kommen. Jeder, der auf Verlangen die richtige Summe hinlegen konnte, war berechtigt, in ihm Platz zu nehmen und den recht zweifelhaften Komfort seiner schmutzigen und aufgeschlitzten Sitze zu ertragen. Der Bus war alt, aber er bewegte sich. Er bewegte sich, allerdings nur langsam. Sein Fahrer war ein junger Mann, der bestimmt bei sämtlichen Prüfungen in der Schule durchgefallen und von daher gezwungen war, sein ganzes Berufsleben jeden Tag aufs neue die Schmach zu ertragen, diesen Dinosaurier von Fortbewegungsmittel zu fahren. Der Mann mußte außerdem die Schreie, das Gekicher, den Dreck, die Liebe und den Haß der Schulkinder erdulden: Der Bus war gleichzeitig der Schulbus. Während der Schulzeit kutschierte er jeden Tag sämtliche Kinder der Gegend zu ihren Stunden der Qualen. Die übrigen Fahrgäste waren im wesentlichen alte Männer und Frauen, bisweilen Ehepaare, meistens jedoch nicht. Die Alten waren unterwegs zu einem Ausflug in die Innenstadt, wo sie unter blinkenden Neonreklamen in Cafés sitzen würden, um verwirrt der geistlosen Musik zu lauschen, Tee und Kaffee zu schlürfen und seufzend den Kopf hängenzulassen.
 
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