Bruce Bégout | ZEROPOLIS
Las Vegas als Sinnbild des
Amerikanischen Traums


   
Aus dem Französischen von
Stefan Linster

144 Seiten
geb. mit Schutzumschlag
€ 17,50 / 30,- sFr.
ISBN 3-935890-19-2
Leseprobe
 

Was sind die Gründe für diesen neuartigen Hang zum Thematischen, den man in Las Vegas' Unterhaltungsindustrie erkennen kann?
Keinesfalls als charakteristisch ließe sich hier die Lust an der perfekten Nachahmung anführen, und auch nicht der Wunsch, einen bestimmten historischen Moment wiederzuerleben (Caesar’s Palace, Luxor, Excalibur) oder die Atmosphäre eines originären Ortes zu teilen (Paris, Treasure's Island, Circus Circus), da die angebotenen Ausführungen wohl wenig glaubhaft sind … Das Märchenschloß des Excalibur, angeregt vom bayerischen Neuschwanstein, erhebt sich in einer tropischen Lagunenlandschaft. Die schwarze Pyramide des Luxor weist mittendrin Fassadenteile auf, die an einen florentinischen Palazzo erinnern.
Die grundlegende Logik, die hinter der Geschäftsstrategie eines Themenhotels oder entsprechenden Restaurants steckt, orientiert sich vielmehr an der üblichen Erfahrung des Filmkonsumenten. In der Tat bildet das Kino die wichtigste Inspirationsquelle aller Architektur und Attraktionen in Las Vegas. Man nimmt im Modus des als ob an einem Spektakel teil, während man doch genau um den unwirklichen Charakter der Szenerien weiß und sich selbst für den Wunsch tadelt, die angeführten Fakten verifizieren zu wollen. Mit unverbesserlicher, doch gleichwohl überzeugender Realitätsferne dient das thematische Element dazu, einem Ort die atmosphärische Einheit eines Films, ihm gewissermaßen seinen Erzählfaden zu geben. Was aber noch wichtiger ist: Die Thematisierung erlaubt nicht nur ein augenblickliches Wiedererkennen rund um das zentrale Thema, sondern auch ein Spiel der Variationen, das dem Kunden das Gefühl einer an sich so abwechslungsreichen wie unterhaltsamen Erfahrung vermittelt. Was kümmert es da, daß manche Details das Endergebnis trüben, daß Julius Caesar wie ein Cowboy aussieht oder die Türme der Burg eher an die eines internationalen Flughafens erinnern denn an die einer mittelalterlichen Festung …
Es wäre ungebührlich zu glauben, Las Vegas stelle das Summum an schlechtem Geschmack dar. Einer überkommenen Vorstellung zum Trotz ist die Stadt nicht im geringsten vulgär. Nicht daß sie etwa den Sinn für Distinktion oder für Takt pflegte. Wem immer daran Zweifel kommen mögen, dem bringt ein Besuch des Liberace-Museums die absolute Gewißheit, daß die Stadt nicht die geringsten ästhetischen Intentionen hegt. Um die Wahrheit zu sagen, Las Vegas hat seit langem das Stadium des Geschmacks oder der Kultur im allgemeinen hinter sich gelassen. Aufgrund seines immensen Potentials an universaler Anziehungskraft hat es jeden künstlerischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Wert im bodenlosen Trichter seiner Maßlosigkeit aufgesogen und alles in gewisser Weise unschuldig und kindisch, flach und belanglos werden lassen. Als Prätention einer Stadt ist Las Vegas auch eine Stadt ohne Prätention. Sie pfeift auf Geist und Ernsthaftigkeit, will sich einfach nur ohne Hintergedanken unterhalten, im kindhaft-gutmütigen Spaß und dem Rausch des Ganz-gleich-was aufgehen.
 
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