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Ich will ganz offen sein. Handelte es sich nicht um meine Schwester,
wären Ruth-Ann und ich keine Freunde. Unsere gemeinsamen Interessen
erschöpften sich in dem, was uns aufgrund von Blutsverwandtschaft
und geteilten Kindheitserlebnissen verband – und da Ruth-Ann neun
Jahre älter ist als ich, waren die nicht mal zahlreich. Alles Bizarre
faszinierte sie, wohingegen ich das Bizarre immer, nun ja, eben bizarr
fand.
Ich stand in meinem vierzehnten Lebensjahr, als Ruth-Ann, meiner Erinnerung
nach damals ein Mädchen, das außer seiner Fröhlichkeit
nichts Besonderes an sich hatte (ich spreche hier schließlich
von meiner Schwester), mit einem Mann namens Dalrymple durchbrannte.
Er war Zirkusartist, irgendein Akrobat. Meine Eltern waren, ohne dies
lautstark zu bekunden, am Boden zerstört. Die scharfen Äußerungen
meiner Mutter ließen darauf schließen, daß sie zornig,
aber nicht überrascht war; mein Vater war wie betäubt. Lange
herrschte zu Hause jene eigenartige Stille, die von Gemurmel und zischendem
Geflüster erzeugt wird.
Etliche Monate später erhielten wir per Post Hochzeitsfotos: meine
Schwester, mitten in der Arena, in einem prächtigen traditionellen
Brautkleid, der Ehemann in Frack und glitzerndem Zylinder strahlend
neben ihr. (Er hatte sich das Outfit, wie ich später herausfand,
vom Zirkusdirektor geliehen.) Ringsum, in voller Kostümierung –
im Handstand, Kopfstand, auf den Schultern anderer, auf Fahrrädern,
an Trapezen, Seilen und einem Elefantenrüssel hängend –,
Jongleure, Trapezkünstler, Turner, Löwenbändiger, starke
Männer, Clowns und eine Horde Affen.
Meine Eltern tröstete das nicht, ich allerdings weiß noch,
daß mich der Gedanke an Freikarten, sollte der Zirkus je in unsere
Stadt kommen, aufheiterte.
Und eines Tages, ungefähr zwei Jahre später, kam er auch.
Meine Eltern hatten sich, vielleicht vorsorglich und aus Selbstschutz,
überlegt, daß die mit der Wiedervereinigung der Familie und
dem Kennenlernen des Schwiegersohns verbundenen Unbilden am besten in
der Öffentlichkeit zu ertragen waren.
Die Firma, in der mein Vater arbeitete, veranstaltete am Wochenende
für ihre Angestellten ein Picknick am Beaver Lake. Unsere Eltern
gaben Ruth-Ann und Dalrymple die Anweisung (»einladen« ist
nicht das richtige Wort), sich dort mit uns zu treffen. Ich war in dem
Alter, in dem man Firmenausflüge und Weihnachtsfeiern normalerweise
übergeht, aber dieser versprach so vieles, daß ich nur zu
gern mitging… |
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