Neil Bissoondath |
WILLKOMMEN, Mr. MACKENZIE
vergriffen
buch

   
Aus dem Englischen von
Silvia Morawetz

Roman, 352 Seiten
geb. mit Schutzumschlag
€ 22,– / sFr. 38,60
ISBN 978-3-935890-24-3
Leseprobe
 

Ich will ganz offen sein. Handelte es sich nicht um meine Schwester, wären Ruth-Ann und ich keine Freunde. Unsere gemeinsamen Interessen erschöpften sich in dem, was uns aufgrund von Blutsverwandtschaft und geteilten Kindheitserlebnissen verband – und da Ruth-Ann neun Jahre älter ist als ich, waren die nicht mal zahlreich. Alles Bizarre faszinierte sie, wohingegen ich das Bizarre immer, nun ja, eben bizarr fand.
Ich stand in meinem vierzehnten Lebensjahr, als Ruth-Ann, meiner Erinnerung nach damals ein Mädchen, das außer seiner Fröhlichkeit nichts Besonderes an sich hatte (ich spreche hier schließlich von meiner Schwester), mit einem Mann namens Dalrymple durchbrannte. Er war Zirkusartist, irgendein Akrobat. Meine Eltern waren, ohne dies lautstark zu bekunden, am Boden zerstört. Die scharfen Äußerungen meiner Mutter ließen darauf schließen, daß sie zornig, aber nicht überrascht war; mein Vater war wie betäubt. Lange herrschte zu Hause jene eigenartige Stille, die von Gemurmel und zischendem Geflüster erzeugt wird.
Etliche Monate später erhielten wir per Post Hochzeitsfotos: meine Schwester, mitten in der Arena, in einem prächtigen traditionellen Brautkleid, der Ehemann in Frack und glitzerndem Zylinder strahlend neben ihr. (Er hatte sich das Outfit, wie ich später herausfand, vom Zirkusdirektor geliehen.) Ringsum, in voller Kostümierung – im Handstand, Kopfstand, auf den Schultern anderer, auf Fahrrädern, an Trapezen, Seilen und einem Elefantenrüssel hängend –, Jongleure, Trapezkünstler, Turner, Löwenbändiger, starke Männer, Clowns und eine Horde Affen.
Meine Eltern tröstete das nicht, ich allerdings weiß noch, daß mich der Gedanke an Freikarten, sollte der Zirkus je in unsere Stadt kommen, aufheiterte.
Und eines Tages, ungefähr zwei Jahre später, kam er auch.
Meine Eltern hatten sich, vielleicht vorsorglich und aus Selbstschutz, überlegt, daß die mit der Wiedervereinigung der Familie und dem Kennenlernen des Schwiegersohns verbundenen Unbilden am besten in der Öffentlichkeit zu ertragen waren.
Die Firma, in der mein Vater arbeitete, veranstaltete am Wochenende für ihre Angestellten ein Picknick am Beaver Lake. Unsere Eltern gaben Ruth-Ann und Dalrymple die Anweisung (»einladen« ist nicht das richtige Wort), sich dort mit uns zu treffen. Ich war in dem Alter, in dem man Firmenausflüge und Weihnachtsfeiern normalerweise übergeht, aber dieser versprach so vieles, daß ich nur zu gern mitging…
 
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