David Peace |
TOKIO IM JAHR NULL


   
Aus dem Englischen von
Peter Torberg

Roman, 416 Seiten
geb. mit Schutzumschlag
€ 22,– / sFr. 37,90
ISBN 978-3-935890-65-6
Leseprobe
 

Der 15. Tag des achten Monats im 20. Jahr Shōwa Tokio, 32°C., sonnig

„Inspektor Minami! Inspektor Minami! Inspektor Minami!“
          
Ich schlage die Augen auf. Aus Träumen, die nicht die meinen sind. Ich setze mich auf meinem Stuhl an meinem Schreibtisch auf. Aus Träumen, die ich nicht will. Mein Kragen ist feucht, mein Anzug klamm. Mein Haar juckt. Meine Haut juckt.
          „Inspektor Minami! Inspektor Minami!“
          
Inspektor Nishi nimmt die Verdunkelungsvorhänge ab, hinter den mit Klebeband gesicherten Fenstern steigt die Sonne am Himmel und erfüllt das Büro mit Balken aus hellem, warmen Morgenlicht und Staub.
          „Inspektor Minami!“
          “Haben Sie gerade etwas gesagt?” frage ich Nishi.
           Nishi schüttelt den Kopf. „Nein.“
           Ich starre zur Zimmerdecke hinauf. Nichts rührt sich im hellen Sonnenschein. Die Ventilatoren stehen still. Kein Strom. Die Telefone sind tot. Keine Leitung. Die Toiletten sind verstopft. Kein Wasser. Nichts ...
          „Gestern Nacht wurde Kumagaya bombardiert“, berichtet Nishi. „Es gibt Meldungen von Schusswechseln im Palast ...“
          „Also habe ich das nicht geträumt?“
           Ich ziehe mein Taschentuch aus der Tasche. Es ist alt und dreckig. Ich wische mir über Nacken und Gesicht. Dann schaue ich in meinen Taschen nach –
          Zyankali wird an Frauen, Kinder und Alte ausgegeben, man sagt, die letzten Kabinettsumstellungen seien ein Anzeichen für das Ende des Krieges, das Ende Japans, das Ende der Welt ...
          Nishi hält eine kleine Schachtel in die Höhe und fragt: „Suchen Sie die hier?“
           Ich schnappe mir die Schachtel Muronal und überprüfe den Inhalt. Genug. Ich stopfe mir die Schachtel in die Jackentasche.
          Sirenen und Warnhinweise die ganze Nacht über; Tokio heiß und dunkel, alles versteckt sich; Tag und Nacht Gerüchte von neuen Waffen, Angst vor neuen Bomben; erst Hiroshima, dann Nagasaki, dann Tokio ...
          Bomben, die das Ende Japans bedeuten, das Ende der Welt ...
           Kein Schlaf. Nur Träume. Kein Schlaf. Nur Träume ...
           Tag und Nacht, deshalb schlucke ich diese Tabletten ...
           So rede ich mir das ein, Tag und Nacht ...
          „Die lagen auf dem Fußboden“, sagt Nishi.
          Ich nicke. „Haben Sie eine Zigarette?“
          Nishi schüttelt den Kopf. Ich verfluche ihn. Noch fünf Tage bis zur nächsten Sonderration. Fünf lange Tage ...
          Die Bürotür fliegt auf –
          Inspektor Fujita stürmt ins Zimmer. Er hält ein Polizeirundschreiben in der Hand. „Tut mir leid“, sagt er, „schon wieder schlechte Neuigkeiten ...“
          Er wirft das Rundschreiben auf meinen Schreibtisch. Nishi nimmt es.
          Nishi ist jung. Eifrig. Zu jung ...
          „Es kommt vom Polizeirevier Shinagawa“, verkündet er und liest vor. „Leiche unter rätselhaften Umständen in Dai-Ichi im Frauenwohnheim der Abteilung für Marinebekleidung gefunden.“
          „Einen Augenblick“, unterbreche ich ihn. „Alles, was mit der Abteilung Marinebekleidung zu tun hat, fällt doch sicherlich in den Dienstbereich der Kempeitai, oder? Das ist ein Fall für die Militärpolizei, nicht für uns ...“
          „Ich weiß“, entgegnet Fujita. „Aber Shinagawa fordert Beamte der Mordkommission an. Wie ich schon sagte, es tut mir leid ...“
          Niemand will einen Fall. Nicht heute. Nicht jetzt ...
          Ich stehe auf und schnappe mir meinen Hut.
 
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